Gänsegras im Garten: Unscheinbares Unkraut mit erstaunlicher Geschichte

Wer diese Pflanze zwischen Rasen, Gehweg oder Gartenbeeten entdeckt, hält sie wahrscheinlich zunächst für gewöhnliches Unkraut. Der aktuelle Beitrag auf der verlinkten Seite stellt sie dagegen als eine besonders interessante und unterschätzte Pflanze dar. Gemeint ist Gänsegras beziehungsweise Goosegrass, wissenschaftlich Eleusine indica.

Die Pflanze fällt vor allem durch ihre charakteristischen Blütenstände auf. Mehrere Ähren stehen strahlenförmig auseinander und erinnern an einen Vogelfuß. Genau dieses Merkmal beschreibt auch Cornell University als eines der typischen Erkennungszeichen von Eleusine indica.

Doch während Gänsegras in der modernen Gartenpflege vor allem als hartnäckiges Unkraut gilt, wird die Pflanze in verschiedenen Regionen seit langer Zeit auch als Nahrungs- und traditionelle Heilpflanze genutzt. Das macht sie tatsächlich deutlich interessanter, als ihr unscheinbares Aussehen vermuten lässt.

Welche Pflanze ist Gänsegras?

Der korrekte botanische Name lautet Eleusine indica (L.) Gaertn.. Die Pflanze gehört zur Familie der Süßgräser (Poaceae). Cornell University führt unter anderem die englischen Namen Goosegrass, Crowfoot Grass, Wiregrass und Indian Goosegrass auf.

Der verlinkte Beitrag schreibt den wissenschaftlichen Namen als „Eleucinia indica“. Dabei handelt es sich offenbar um einen Schreibfehler. Die anerkannte Bezeichnung ist Eleusine indica.

Die Pflanze wächst häufig niedrig und teilweise flach am Boden. Ihre Blütenstände können jedoch deutlich über das übrige Gras hinausragen.

So lässt sich die Pflanze erkennen

Gänsegras besitzt einige charakteristische Merkmale.

Die Pflanze bildet eine eher bodennahe Wuchsform und kann mehrere Stängel aus einem zentralen Bereich entwickeln. Besonders auffällig ist die hellweiße bis silbrige Basis der Stängel. Die Blätter sind relativ schmal und die Blütenstände bestehen aus mehreren seitlich abstehenden Ähren.

Die Ähren können dadurch tatsächlich an die Zehen eines Vogelfußes erinnern.

Genau diese ungewöhnliche Form macht die Pflanze leichter erkennbar als viele andere Grasarten.

Warum wächst Gänsegras so häufig an Wegen?

Eine bemerkenswerte Eigenschaft von Eleusine indica ist ihre Fähigkeit, mit schwierigen Standortbedingungen zurechtzukommen.

Cornell University beschreibt die Art als sommerjähriges Gras, das häufig an stark beanspruchten und verdichteten Standorten vorkommt.

Deshalb kann man Gänsegras beispielsweise entdecken:

  • auf verdichtetem Gartenboden,
  • in Rasenflächen,
  • an Wegrändern,
  • zwischen Pflasterflächen,
  • auf landwirtschaftlich genutzten Böden,
  • und an anderen stark beanspruchten Standorten.

Gerade diese Widerstandsfähigkeit macht die Pflanze für Gärtner problematisch.

Warum gilt sie als Unkraut?

Aus Sicht der Landwirtschaft und Gartenpflege ist Gänsegras keineswegs harmlos.

Die Pflanze kann sich schnell etablieren und mit Nutz- und Zierpflanzen um Wasser, Nährstoffe, Licht und Platz konkurrieren. In landwirtschaftlichen Kulturen kann sie deshalb zu einem wirtschaftlich relevanten Unkraut werden.

Hinzu kommt, dass Populationen von Eleusine indica in verschiedenen Regionen Resistenzen gegen bestimmte Herbizide entwickelt haben. Dadurch kann ihre Kontrolle zusätzlich erschwert werden.

Warum wird sie trotzdem als wertvoll bezeichnet?

Die Antwort liegt vor allem in ihrer traditionellen Nutzung.

Eine 2021 veröffentlichte Übersichtsarbeit beschreibt Eleusine indica als Pflanze, die in verschiedenen Regionen sowohl als Nahrung als auch für traditionelle medizinische Anwendungen genutzt wird. In Teilen Indiens wurden unter anderem Wurzeln und Samen als Nahrung verwendet. Auch junge Pflanzen beziehungsweise Keimlinge werden traditionell genutzt.

In einigen Regionen wurden die Samen sogar als sogenannte Hungernahrung eingesetzt.

Das bedeutet nicht, dass Gänsegras heute eine notwendige Nahrungsquelle wäre. Es zeigt jedoch, dass die Pflanze historisch durchaus einen praktischen Nutzen hatte.

Gänsegras als traditionelle Heilpflanze

Die traditionelle Medizin ist ein weiterer Grund für das Interesse an dieser Pflanze.

Eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2020 beschreibt zahlreiche traditionelle Anwendungen von Eleusine indica und fasst gleichzeitig die bisher untersuchten pharmakologischen Eigenschaften zusammen.

Unter den in der Literatur beschriebenen traditionellen Anwendungen finden sich beispielsweise Beschwerden wie:

  • Fieber,
  • Entzündungen,
  • bestimmte Infektionen,
  • Harnwegsbeschwerden,
  • Atemwegsprobleme,
  • und verschiedene weitere Erkrankungen.

Dabei muss jedoch klar zwischen traditioneller Verwendung und klinisch nachgewiesener medizinischer Wirksamkeit unterschieden werden.

Was sagt die moderne Forschung?

Die wissenschaftliche Forschung zu Eleusine indica untersucht inzwischen zahlreiche Inhaltsstoffe der Pflanze.

Übersichtsarbeiten nennen unter anderem Flavonoide, Sterole, ätherische Öle, Tannine, Alkaloide und verschiedene weitere sekundäre Pflanzenstoffe.

In Laboruntersuchungen wurden bei unterschiedlichen Pflanzenextrakten unter anderem antioxidative, antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften untersucht. Auch weitere pharmakologische Wirkungen sind Gegenstand der Forschung.

Das macht die Pflanze wissenschaftlich interessant.

Es bedeutet aber nicht, dass ein selbst zubereiteter Tee aus Gänsegras eine bestimmte Krankheit zuverlässig behandelt.

Besonders wichtig: Laborforschung ist keine Therapie

Bei Pflanzen werden Forschungsergebnisse im Internet häufig übertrieben dargestellt.

Wenn ein Extrakt beispielsweise in einem Labor eine bestimmte biologische Wirkung zeigt, bedeutet das nicht automatisch, dass die gesamte Pflanze beim Menschen dieselbe Wirkung entfaltet.

Für eine medizinische Anwendung müssen unter anderem Dosierung, Aufnahme im Körper, Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen untersucht werden.

Die vorhandenen Übersichtsarbeiten zu Eleusine indica betonen selbst, dass weitere Untersuchungen notwendig sind.

Ist Gänsegras essbar?

Hier ist ebenfalls Vorsicht angebracht.

Eine wissenschaftliche Übersicht dokumentiert die traditionelle Verwendung verschiedener Pflanzenteile als Nahrung, insbesondere in Teilen Indiens.

Daraus folgt jedoch nicht, dass man jedes Gänsegras aus dem eigenen Garten bedenkenlos sammeln und essen sollte.

Bei Wildpflanzen sind eine sichere botanische Bestimmung und ein unbelasteter Standort entscheidend.

Eine Pflanze, die am Straßenrand, auf einem mit Pflanzenschutzmitteln behandelten Grundstück oder an einem stark verschmutzten Ort wächst, sollte nicht einfach als Lebensmittel verwendet werden.

Nicht jede Pflanze im Garten sollte zum Tee werden

Gerade bei viralen Beiträgen über „vergessene Heilpflanzen“ entsteht schnell der Eindruck, man müsse nur eine häufig vorkommende Pflanze sammeln und daraus einen Tee kochen.

So einfach ist es nicht.

Die Konzentration von Wirkstoffen hängt beispielsweise vom Pflanzenteil, Standort, Erntezeitpunkt und Zubereitungsverfahren ab.

Ein wissenschaftlich untersuchter Extrakt ist außerdem nicht dasselbe wie ein selbst gemachter Aufguss.

Warum der Begriff „heilend“ problematisch ist

Der Ausgangsbeitrag beschreibt Gänsegras als Pflanze mit „heilenden Eigenschaften“.

Wissenschaftlich sollte man hier vorsichtiger formulieren.

Die Forschung zeigt interessante pharmakologische Aktivitäten, aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass die Pflanze als zugelassene Therapie für eine bestimmte Krankheit eingesetzt werden kann.

Eine Pflanze kann potenziell interessante Wirkstoffe enthalten, ohne selbst ein bewiesenes Medikament zu sein.

Auch die Nährstoffbehauptungen sollten richtig verstanden werden

Der Beitrag bezeichnet Gänsegras außerdem als nährstoffreiche Pflanze.

Die wissenschaftliche Literatur beschreibt tatsächlich Nährstoffe und verschiedene Pflanzenstoffe in Eleusine indica.

Das macht Gänsegras jedoch nicht automatisch ernährungsphysiologisch besser als etablierte Lebensmittel.

Die Aussage „enthält Nährstoffe“ ist deshalb angemessen. Die Aussage „ist ein außergewöhnliches Superfood“ wäre dagegen eine deutlich weitergehende Behauptung.

Die Pflanze hat auch ökologische Bedeutung

Gänsegras ist nicht nur wegen seiner möglichen Nutzung interessant.

Seine große Anpassungsfähigkeit macht die Art zu einem guten Beispiel dafür, wie Pflanzen mit stark veränderten Lebensräumen zurechtkommen.

Sie kann dort wachsen, wo der Boden verdichtet und die Konkurrenzbedingungen schwierig sind. Genau diese Eigenschaften sind aus gärtnerischer Sicht problematisch, aus botanischer Sicht aber bemerkenswert.

Was tun, wenn Gänsegras im Garten wächst?

Wer die Pflanze im Rasen oder Gemüsebeet nicht haben möchte, sollte sie möglichst früh entfernen.

Besonders wichtig ist es, eine starke Samenbildung zu verhindern.

Da die Pflanze in vielen Bereichen als Unkraut Probleme verursacht, setzen Fachleute auf eine Kombination aus guter Rasenpflege, mechanischer Entfernung und – je nach Situation – geeigneten Unkrautmanagementmaßnahmen.

Ein dichter, gesunder Rasen lässt unerwünschten Gräsern zudem weniger Raum.

Verdichteten Boden verbessern

Da Gänsegras besonders gut auf beanspruchten und verdichteten Flächen wachsen kann, lohnt es sich, die Standortbedingungen zu verbessern.

Eine Lockerung des Bodens, eine bessere Bodenstruktur und eine gesunde Vegetationsdecke können langfristig dazu beitragen, den Pflanzen weniger günstige Bedingungen zu bieten.

Das ist oft nachhaltiger, als immer wieder nur einzelne Pflanzen herauszureißen.

Gänsegras nicht mit anderen Gräsern verwechseln

Bei der Bestimmung sollte man genau hinschauen.

Es gibt verschiedene Grasarten, deren Blütenstände auf den ersten Blick ähnlich wirken können. Deshalb sollten mehrere Merkmale gemeinsam betrachtet werden – insbesondere Wuchsform, Stängelbasis, Blätter und die charakteristischen Ähren. Cornell University stellt diese Merkmale in seinem Bestimmungsprofil ausführlich dar.

Wer eine Wildpflanze essen oder medizinisch verwenden möchte, sollte sich nicht allein auf ein Foto aus sozialen Netzwerken verlassen.

Was ist an dem viralen Beitrag tatsächlich richtig?

Der Kern der Geschichte ist durchaus interessant.

Gänsegras ist keine wertlose Pflanze.

Es ist eine weit verbreitete Grasart, die traditionell in einigen Regionen als Nahrung und Heilpflanze genutzt wurde. Außerdem enthält sie verschiedene biologisch aktive Pflanzenstoffe, die wissenschaftlich untersucht werden.

Gleichzeitig ist sie aus Sicht von Landwirtschaft und Gartenpflege ein problematisches Unkraut und kann sich unter geeigneten Bedingungen schnell ausbreiten.

Beide Aussagen können gleichzeitig stimmen.

Fazit

Der verlinkte Beitrag beschreibt eine tatsächlich existierende und bemerkenswerte Pflanze: Gänsegras (Eleusine indica). Die charakteristischen, vogelfußähnlich auseinanderstehenden Ähren machen sie relativ leicht erkennbar.

Die Pflanze gilt vielerorts als hartnäckiges Unkraut, besitzt aber gleichzeitig eine lange Tradition als Nahrungs- und Heilpflanze. Wissenschaftliche Übersichten dokumentieren die Nutzung von Samen und anderen Pflanzenteilen als Nahrung sowie zahlreiche traditionelle medizinische Anwendungen.

Auch moderne Forschungsarbeiten haben verschiedene Inhaltsstoffe und potenziell interessante biologische Wirkungen untersucht. Allerdings befindet sich vieles davon noch im Bereich der Grundlagen- beziehungsweise vorklinischen Forschung. Weitere Untersuchungen sind notwendig, bevor daraus konkrete medizinische Empfehlungen entstehen können.

Gänsegras ist deshalb tatsächlich mehr als nur ein gewöhnliches Unkraut – aber seine wissenschaftlich interessante Natur sollte nicht mit einem bewiesenen Heilmittel verwechselt werden.