Löwenzahnwurzel gegen Krebs? Was hinter der Behauptung von 98 Prozent wirklich steckt

Eine Schlagzeile sorgt immer wieder für Aufmerksamkeit: „Diese Wurzel zerstört 98 Prozent der Krebsarten“. Gemeint ist die Wurzel des Löwenzahns. Der verlinkte Beitrag behauptet, Löwenzahnwurzelextrakt könne unter anderem gegen Darm-, Bauchspeicheldrüsen- und andere Krebsarten wirken und sogar eine sanftere Alternative zu Operation oder Chemotherapie darstellen.

Der Hintergrund ist tatsächlich interessant: Wissenschaftler haben Löwenzahnwurzelextrakt in Labor- und Tierversuchen untersucht und dabei antitumorale Effekte beobachtet. Die entscheidende Einschränkung lautet jedoch: Diese Ergebnisse sind nicht der Beweis dafür, dass Löwenzahn Krebs beim Menschen heilen kann. Genau diese wichtige Unterscheidung geht in viralen Beiträgen häufig verloren.

Woher stammen die „98 Prozent“?

Die Zahl geht offenbar auf eine Laboruntersuchung zurück, in der ein wässriger Löwenzahnwurzelextrakt bei bestimmten Darmkrebszellen in einer Zellkultur innerhalb von 48 Stunden mehr als 95 Prozent der untersuchten Zellen zum programmierten Zelltod brachte.

Das ist ein interessanter wissenschaftlicher Befund. Er bedeutet aber etwas ganz anderes als die Aussage, dass eine Tasse Löwenzahntee oder ein Wurzelextrakt 98 Prozent aller Krebsarten in einem menschlichen Körper zerstören würde.

Eine Zellkultur ist ein kontrolliertes Laborumfeld. Ein menschlicher Körper ist wesentlich komplexer: Ein Wirkstoff muss aufgenommen werden, den Tumor erreichen, dort in ausreichender Konzentration ankommen und gleichzeitig sicher für andere Gewebe sein.

Deshalb kann ein Ergebnis aus einer Petrischale nicht einfach auf Patienten übertragen werden.

Was die Forschung zu Darmkrebs tatsächlich gezeigt hat

Eine 2016 veröffentlichte Studie untersuchte einen wässrigen Löwenzahnwurzelextrakt an verschiedenen Darmkrebs-Zellmodellen. Dabei wurde eine selektive Auslösung des programmierten Zelltods beobachtet. Zusätzlich wurde der Extrakt in einem Mausmodell mit menschlichen Darmkrebstumoren untersucht; dort verlangsamte er das Tumorwachstum deutlich.

Das sind zwei interessante Ebenen der vorklinischen Forschung:

Zellkultur: Krebszellen reagieren auf den Extrakt.

Tiermodell: Ein Effekt wurde auch in lebenden Tieren beobachtet.

Was noch fehlt, sind überzeugende klinische Daten, die zeigen, dass Löwenzahnwurzel Krebs bei Menschen wirksam und sicher behandelt.

Auch Bauchspeicheldrüsenkrebs wurde im Labor untersucht

Eine weitere Studie untersuchte Löwenzahnwurzelextrakt an menschlichen Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zelllinien. Die Forscher beobachteten eine dosis- und zeitabhängige Auslösung von Apoptose und Autophagie, also Prozesse, die zum Absterben der Krebszellen beitragen können.

Auch hier handelt es sich jedoch um Zellkulturforschung.

Die Studie liefert daher einen Ansatz für weitere Forschung, aber keine Grundlage dafür, Patienten eine Behandlung mit Löwenzahnwurzel zu empfehlen.

Was ist mit anderen Krebsarten?

Auch bei weiteren Krebsarten gibt es vorklinische Untersuchungen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt beispielsweise Forschung zu Leukämie, Darm-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust- und anderen Krebszellen.

Solche Ergebnisse sind für die Entwicklung neuer Wirkstoffe durchaus interessant.

Allerdings sollte man zwischen den Begriffen „untersucht“, „zeigt Aktivität im Labor“ und „ist als Therapie beim Menschen wirksam“ unterscheiden.

Diese drei Aussagen sind keineswegs gleichbedeutend.

Warum Laborergebnisse trotzdem wichtig sind

Es wäre falsch, die Forschung einfach als bedeutungslos abzutun.

Viele moderne Medikamente haben ihren Ursprung in Pflanzen oder anderen Naturstoffen. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, Pflanzenextrakte auf interessante biologische Wirkungen zu untersuchen.

Löwenzahnwurzel enthält verschiedene bioaktive Stoffe, und Forscher versuchen herauszufinden, welche Bestandteile für die beobachteten Effekte verantwortlich sein könnten.

Der entscheidende nächste Schritt besteht jedoch darin, aus einem interessanten Laborbefund eine reproduzierbare, sichere und wirksame Therapie für Menschen zu entwickeln.

„Ohne gesunde Zellen zu schädigen“ ist ebenfalls zu pauschal

Der verlinkte Beitrag behauptet, Löwenzahnwurzelextrakt könne Krebszellen bekämpfen, ohne gesunde Zellen zu schädigen.

Vorklinische Studien haben tatsächlich teilweise eine unterschiedliche Empfindlichkeit von Krebszellen und bestimmten normalen Zellen beobachtet. Das ist wissenschaftlich interessant.

Doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass ein Löwenzahnpräparat im menschlichen Körper grundsätzlich nur Tumorzellen angreift.

Der menschliche Organismus ist nicht mit einer Zellkulturschale gleichzusetzen. Außerdem können Pflanzenextrakte selbst unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen verursachen.

Ist Löwenzahn grundsätzlich harmlos?

Auch das sollte man nicht automatisch annehmen.

Das Memorial Sloan Kettering Cancer Center weist darauf hin, dass Löwenzahn unter anderem allergische Reaktionen verursachen und mit verschreibungspflichtigen Medikamenten interagieren kann. Außerdem sind klinische Studien notwendig, um Sicherheit und Wirksamkeit als medizinische Behandlung zu bestimmen.

Gerade Menschen, die wegen Krebs behandelt werden, sollten deshalb nicht eigenständig Löwenzahnextrakte oder andere konzentrierte Pflanzenpräparate einnehmen.

Besonders problematisch: Löwenzahn statt Chemotherapie

Eine der gefährlichsten Aussagen im verlinkten Beitrag ist die Darstellung des Löwenzahnwurzelextrakts als mögliche Alternative zu Operation oder Chemotherapie.

Dafür gibt es derzeit keine ausreichende klinische Grundlage.

Eine Krebsbehandlung wird individuell nach Krebsart, Stadium, molekularen Eigenschaften und vielen weiteren Faktoren ausgewählt. Eine unbewiesene Pflanzenbehandlung anstelle einer medizinisch empfohlenen Therapie einzusetzen, kann wertvolle Zeit kosten.

Was sagt der Faktencheck zur 98-Prozent-Behauptung?

Mehrere unabhängige Faktenchecker haben die Behauptung bereits untersucht.

Full Fact kam zu dem Schluss, dass Löwenzahnwurzelextrakt in Laborstudien tatsächlich antitumorale Wirkungen gezeigt hat, die Behauptung von 98 Prozent innerhalb von 48 Stunden aber nicht als beim Menschen bewiesen gilt.

Auch PolitiFact erklärte, dass die zugrunde liegende Untersuchung an Krebszellen im Labor und nicht an Patienten durchgeführt wurde. Humanstudien konnten die behauptete Wirkung nicht bestätigen.

Science Feedback kam ebenfalls zu dem Schluss, dass es keine klinischen Daten gibt, die zeigen, dass Löwenzahn Krebs beim Menschen wirksam behandelt.

Warum sich die Zahl „98 Prozent“ so überzeugend anhört

Eine konkrete Zahl wirkt wissenschaftlich.

„98 Prozent“ klingt präziser und glaubwürdiger als „könnte möglicherweise eine Wirkung haben“. Genau deshalb verbreiten sich solche Aussagen besonders schnell.

Das Problem besteht darin, dass die Zahl aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst wird.

Aus einem Laborergebnis mit bestimmten Krebszellen wird in sozialen Netzwerken eine Aussage über „Krebsarten“ allgemein.

Das ist eine erhebliche inhaltliche Verzerrung.

Krebs ist nicht gleich Krebs

Ein weiterer Grund für Vorsicht: Es gibt nicht eine einzige Krankheit namens Krebs.

Darmkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Leukämien, Brustkrebs und Hautkrebs unterscheiden sich biologisch erheblich.

Ein Stoff, der auf eine bestimmte Zelllinie wirkt, muss deshalb nicht bei allen anderen Tumoren funktionieren.

Die Forschung zu Löwenzahnwurzel untersucht entsprechend verschiedene Krebsmodelle einzeln.

Was bedeutet das für Löwenzahntee?

Ein normaler Tee aus Löwenzahnwurzel ist nicht dasselbe wie der konzentrierte Extrakt, der in wissenschaftlichen Laboruntersuchungen verwendet wurde.

In den Studien werden definierte Extrakte und Konzentrationen eingesetzt. Deshalb kann man nicht einfach daraus ableiten, dass ein selbst zubereiteter Tee dieselbe Wirkung besitzt.

Das ist ein häufiges Problem bei viralen Gesundheitsartikeln: Das untersuchte Produkt und das Produkt aus dem heimischen Küchenschrank werden behandelt, als wären sie identisch.

Ist Löwenzahn als Lebensmittel trotzdem interessant?

Ja.

Löwenzahn ist als Pflanze vielseitig und wird in verschiedenen Kulturen traditionell als Lebensmittel verwendet. Auch die medizinische Forschung an seinen Inhaltsstoffen ist wissenschaftlich interessant.

Diese Fakten rechtfertigen jedoch keine Heilversprechen.

Eine Pflanze kann gleichzeitig ein interessantes Lebensmittel, Gegenstand der Forschung und kein bewiesenes Krebsmedikament sein.

Was Patienten aus solchen Berichten mitnehmen sollten

Die wichtigste Lehre lautet nicht, dass man Löwenzahn ignorieren sollte.

Vielmehr sollte man genau darauf achten, welche Art von Forschung hinter einer Gesundheitsbehauptung steckt.

Fragen wie diese helfen:

Wurde die Studie an Menschen durchgeführt?

Wie viele Teilnehmer gab es?

Gab es eine Kontrollgruppe?

Welche Dosis wurde untersucht?

Wurde die Wirkung unabhängig bestätigt?

Bei der 98-Prozent-Behauptung führen diese Fragen schnell zur eigentlichen Antwort: Die beeindruckende Zahl stammt aus vorklinischer Forschung und ist keine nachgewiesene Erfolgsquote bei Krebspatienten.

Fazit

Der verlinkte Artikel greift einen realen wissenschaftlichen Forschungsansatz auf, zieht daraus aber eine viel zu weitreichende Schlussfolgerung. Löwenzahnwurzelextrakte haben in Labor- und einigen Tiermodellen interessante antitumorale Effekte gezeigt, unter anderem gegen Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zelllinien.

Die Behauptung, Löwenzahnwurzel zerstöre 98 Prozent der Krebsarten oder könne Chemotherapie und Operationen ersetzen, ist dagegen nicht durch klinische Studien am Menschen belegt.

Das macht die Forschung keineswegs uninteressant. Im Gegenteil: Sie kann ein Ausgangspunkt für die Entwicklung zukünftiger Wirkstoffe sein. Aber zwischen einem vielversprechenden Laborergebnis und einer zugelassenen Krebstherapie liegen Jahre sorgfältiger Forschung.

Löwenzahnwurzel ist deshalb derzeit vor allem ein interessantes Forschungsgebiet – kein bewiesenes Mittel zur Heilung von Krebs.