Eichhörnchen gelten oft als eher einzelgängerische Tiere, die vor allem auf Nahrungssuche sind und ihr Revier verteidigen. Der verlinkte Beitrag zeichnet dagegen ein ungewöhnlich emotionales Bild: Ein weibliches Eichhörnchen soll ein fremdes Jungtier mehrere Tage beobachten, feststellen, dass es tatsächlich verlassen ist, und es anschließend in das eigene Nest aufnehmen. Dort soll es gemeinsam mit dem eigenen Nachwuchs versorgt werden.
Die Geschichte klingt fast wie ein Märchen über Mitgefühl im Wald. Der wissenschaftliche Kern ist tatsächlich interessant: Bei Roten Eichhörnchen wurde Adoption verwaister Jungtiere nachgewiesen. Eine langfristige Studie dokumentierte fünf Fälle unter 2.230 Würfen über 19 Jahre. Besonders auffällig: In allen fünf Fällen war das adoptierte Jungtier mit der Ersatzmutter verwandt.
Die Geschichte vom fürsorglichen Eichhörnchen
Der Ausgangsbeitrag beschreibt eine weibliche Eichhörnchenmutter, die ein fremdes Jungtier entdeckt und zunächst nicht sofort eingreift. Stattdessen soll sie drei Tage lang beobachten, ob die biologische Mutter zurückkehrt. Erst danach nehme sie das Jungtier mit ins eigene Nest und versorge es gemeinsam mit ihrem Nachwuchs.
Anschließend geht die Geschichte noch weiter und beschreibt eine angeblich besonders enge Beziehung zwischen dem Eichhörnchenpaar. Die Rückkehr des Männchens wird als emotionales Wiedersehen mit Berührungen und „Küssen“ dargestellt.
Diese Darstellung ist sehr menschlich formuliert. Genau deshalb lohnt es sich, zwischen erzählerischer Ausschmückung und wissenschaftlich belegtem Verhalten zu unterscheiden.
Adoption bei Eichhörnchen gibt es tatsächlich
Die wichtigste Erkenntnis stammt aus einer Untersuchung an Roten Eichhörnchen (Tamiasciurus hudsonicus).
Forscher beobachteten über einen Zeitraum von 19 Jahren insgesamt 2.230 Würfe. Dabei wurden nur fünf Fälle entdeckt, in denen ein Weibchen ein fremdes Jungtier vollständig bis zur Entwöhnung aufzog.
Das zeigt zunächst zweierlei:
Adoption kommt vor.
Sie ist gleichzeitig sehr selten.
Es handelt sich also nicht um ein Verhalten, das man bei Eichhörnchen ständig beobachten würde.
Besonders erstaunlich: Die adoptierten Jungtiere waren Verwandte
Der entscheidende Befund der Studie war die Verwandtschaft.
In allen fünf dokumentierten Fällen wurde ein Jungtier von einem Weibchen adoptiert, das mit ihm verwandt war. Jungtiere ohne nahe verwandte mögliche Ersatzmutter wurden dagegen nicht adoptiert.
Die Wissenschaftler untersuchten dafür Stammbäume und genetische Daten. In einem Fall konnte die Verwandtschaft zwischen Ersatzmutter und Jungtier zusätzlich anhand von genetischen Markern bestätigt werden.
Warum sollte ein Eichhörnchen ein fremdes Jungtier großziehen?
Die Antwort liegt in der Evolution.
Ein Weibchen muss Energie, Zeit und Nahrung in das zusätzliche Jungtier investieren. Das verursacht Kosten, weil Ressourcen nicht nur dem eigenen Nachwuchs zur Verfügung stehen.
Wenn das adoptierte Jungtier allerdings ein naher Verwandter ist, kann die Unterstützung indirekt dazu beitragen, dass gemeinsame Gene weitergegeben werden. Genau diese Idee wird in der Evolutionsbiologie als Verwandtenselektion beziehungsweise inklusive Fitness beschrieben.
Die Studie kam zu dem Schluss, dass in den beobachteten Fällen der Nutzen für den verwandten Nachwuchs die Kosten der Adoption übersteigen konnte.
Das bedeutet nicht, dass die Fürsorge „unecht“ ist
Eine evolutionäre Erklärung nimmt dem Verhalten nicht seine biologische Bedeutung.
Für das adoptierte Jungtier ist die Hilfe real. Es bekommt Nahrung, Wärme und Schutz. Die Tatsache, dass die Adoption unter Umständen durch Verwandtschaft begünstigt wird, macht das Verhalten nicht weniger bemerkenswert.
Wichtig ist nur, zwischen menschlicher moralischer Interpretation und biologischer Erklärung zu unterscheiden.
Die Eichhörnchen der Studie waren ansonsten ausgesprochen wenig sozial
Das macht den Befund noch interessanter.
Die untersuchten Roten Eichhörnchen lebten weitgehend einzelgängerisch und verteidigten ihre Nahrungsreviere. Über fast 55.000 beobachtete Verhaltensweisen wurden nur 307 körperliche Interaktionen zwischen erwachsenen Tieren erfasst – und diese waren außerhalb von Paarungen überwiegend aggressive Revierkonflikte.
Gerade bei einer solchen Art ist die gelegentliche Adoption besonders auffällig.
Adoption ist kein alltäglicher „Mutterinstinkt“
Die Studie zeigt nicht, dass ein weibliches Eichhörnchen grundsätzlich jedes fremde Jungtier aufnehmen würde.
Im Gegenteil: In 29 zusätzlichen Fällen, in denen eine Mutter gestorben war und eine potenzielle Ersatzmutter vorhanden war, kam es nur in zwei Fällen zu einer Situation, in der ein verwandtes Weibchen zur Adoption bereitstand.
Auch daraus wird deutlich, dass die Entscheidung von mehreren Faktoren abhängt.
Warum genau fünf Fälle wissenschaftlich trotzdem wichtig sind
Fünf Adoptionen erscheinen zunächst nach sehr wenig.
Für eine seltene Verhaltensweise kann eine langfristige, sorgfältig dokumentierte Beobachtung aber sehr wertvoll sein. Die Forscher konnten über viele Jahre hinweg feststellen, dass alle fünf Adoptionen unter Bedingungen stattfanden, bei denen eine enge Verwandtschaft vorlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies allein zufällig geschah, wurde in der Studie als sehr gering berechnet.
Das macht die Ergebnisse trotz der kleinen Zahl interessant.
Die Geschichte vom „dreitägigen Beobachten“
Der verlinkte Beitrag behauptet sehr konkret, das Weibchen habe ein fremdes Jungtier drei Tage lang beobachtet, bevor es eingegriffen habe.
Für diesen genauen Ablauf liefert der Beitrag allerdings keine wissenschaftliche Begründung, und die Nature-Studie berichtet nicht von einer allgemeinen Drei-Tage-Regel.
Deshalb sollte diese Einzelheit nicht als feststehendes Verhalten aller Eichhörnchen dargestellt werden.
Auch die Beschreibung von „Küssen“ ist problematisch
Der Ausgangstext spricht von „soft touches and ‘kisses’“ zwischen dem Weibchen und dem Männchen und deutet das Verhalten als Ausdruck emotionaler Anerkennung.
Hier wird deutlich anthropomorphisiert.
Wir können beobachten, dass Tiere sich berühren oder bestimmte Begrüßungs- und Sozialverhaltensweisen zeigen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass diese Verhaltensweisen dieselbe emotionale Bedeutung haben wie ein menschlicher Kuss.
Was man bei Tiergeschichten grundsätzlich beachten sollte
Emotionale Tiergeschichten verbinden häufig echte Beobachtungen mit ausgeschmückten Motiven.
Das kann die Geschichte anschaulicher machen, birgt aber das Risiko, dass Leser eine Vermutung als wissenschaftliche Tatsache übernehmen.
Bei dem vorliegenden Beispiel lässt sich deshalb gut unterscheiden:
Belegt: Adoption bei Roten Eichhörnchen kommt vor und wurde wissenschaftlich untersucht.
Belegt: Die beobachteten adoptierten Jungtiere waren mit den Ersatzmüttern verwandt.
Nicht als allgemeine Tatsache belegt: ein exakt dreitägiger Beobachtungszeitraum.
Nicht wissenschaftlich belegt: die Interpretation von Berührungen als menschliche „Küsse“ und bewusste emotionale Partnerschaft.
Warum die Verwandtschaft eine so große Rolle spielt
Die Studie liefert ein klassisches Beispiel dafür, wie Verwandtenselektion funktionieren kann.
Eine Mutter kann durch die Pflege eines nahen Verwandten indirekt zur Weitergabe gemeinsamer Gene beitragen. In der Untersuchung wurde die Kosten-Nutzen-Bilanz der Adoption anhand der Überlebenschancen und der Verwandtschaft berechnet.
Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die fünf beobachteten Adoptionen mit dieser evolutionären Erklärung übereinstimmten.
Die Natur zeigt nicht nur Konkurrenz
Viele Darstellungen der Tierwelt konzentrieren sich auf Kampf, Nahrungssuche und Konkurrenz.
Die Eichhörnchenstudie zeigt, dass auch in einer überwiegend solitären Tierart kostspielige Fürsorge gegenüber einem anderen Jungtier vorkommen kann.
Die Natur ist also weder ausschließlich von Kooperation noch ausschließlich von Konkurrenz geprägt.
Beides kann je nach Situation nebeneinander existieren.
Trotzdem sollte man nicht jedes Eichhörnchen als „Familientier“ betrachten
Die Forschung zu Roten Eichhörnchen rechtfertigt keine allgemeine Aussage über alle Eichhörnchenarten.
„Eichhörnchen“ ist eine große Gruppe von Arten mit unterschiedlichen Lebensweisen. Manche sind stärker sozial, andere überwiegend einzelgängerisch.
Auch Paarungsverhalten, Aufzucht und Revierverhalten unterscheiden sich je nach Art.
Was die Geschichte besonders faszinierend macht
Die emotionale Botschaft des Beitrags lautet, dass das Eichhörnchen uns etwas über Liebe, Großzügigkeit und gegenseitige Unterstützung lehren könne.
Wissenschaftlich müssen wir das nicht wörtlich nehmen.
Schon die tatsächliche Beobachtung ist faszinierend genug: Ein überwiegend einzelgängerisch lebendes Säugetier kann unter bestimmten Umständen die Aufzucht eines fremden Jungtiers übernehmen – und in den untersuchten Fällen war dieses Jungtier ein naher Verwandter.
Ein wichtiger Unterschied zu menschlicher Adoption
Beim Menschen ist Adoption stark von sozialen, rechtlichen und moralischen Entscheidungen geprägt.
Bei Eichhörnchen geht es um ein biologisches Verhalten, das durch Fortpflanzungsvorteile, Verwandtschaft und Umweltbedingungen beeinflusst werden kann.
Es wäre deshalb irreführend, die beiden Systeme direkt gleichzusetzen.
Was bleibt von der Geschichte?
Die schönste Erkenntnis ist vielleicht sogar weniger romantisch als die Überschrift des Beitrags.
Eichhörnchen sind komplexer, als ihr Ruf vermuten lässt.
Sie können unter bestimmten Bedingungen Verhalten zeigen, das von außen wie außergewöhnliche Selbstlosigkeit wirkt. Die Forschung deutet zugleich darauf hin, dass solche Entscheidungen nicht zufällig sind, sondern mit Verwandtschaft und den Kosten der Aufzucht zusammenhängen können.
Fazit
Die Geschichte des verlinkten Beitrags basiert auf einem realen und wissenschaftlich dokumentierten Phänomen: Rote Eichhörnchen können verwaiste Jungtiere adoptieren. Eine 19 Jahre umfassende Studie registrierte fünf solche Fälle unter 2.230 Würfen. In sämtlichen Fällen war das adoptierte Jungtier mit der Ersatzmutter verwandt.
Damit ist der emotionale Kern der Geschichte durchaus faszinierend. Einige konkrete Elemente des Artikels – insbesondere die behauptete Drei-Tage-Beobachtung sowie die Beschreibung von „Küssen“ und bewusster emotionaler Partnerschaft – sind dagegen eher erzählerische Ausschmückungen und nicht als allgemeine wissenschaftliche Tatsachen belegt.
Die eigentliche wissenschaftliche Erkenntnis ist vielleicht noch interessanter als die romantische Geschichte: Selbst bei einer weitgehend solitären Tierart kann Adoption vorkommen – und die enge Verwandtschaft zwischen Ersatzmutter und Jungtier scheint dabei eine entscheidende Rolle zu spielen.